
SANIERUNG DES EHEMALIGEN KORNSPEICHERS, FRIEDBERG
Görbelheimer Mühle, Kulturdenkmal
Private Bauherrschaft
Wenige Ensembles im Rhein-Main-Gebiet haben sich so geschlossen im Original erhalten wie die Görbelheimer Mühle nahe Friedberg. Aus künstlerischen wie geschichtlichen Gründen steht das denkmalwerte Ensemble mit seinen zahlreichen Gebäuden des 19. Jahrhunderts als Kulturdenkmal des Landes Hessen unter Schutz. Wer aus Bruchenbrücken kommt, erblickt zuallererst den prächtigen, villenartigen Kopfbau, der dem Ort sein Gepräge gibt; dahinter reihen sich, in erster Linie traufständig, Wirtschaftsbauten zur Lagerhaltung und Werkstätten, die sich alle zur sich bildenden Wirtschaftsfläche, zum Hof hin orientieren. Unser Projekt beschreibt den sogenannten Kornspeicher.
Dieser war jedoch nicht immer Kornspeicher! Im Ursprung war er das Zuhause des Mühleneigentümers – eine Villa im klassizistischen Stil, die nach nur kurzer Nutzungszeit, wohl auch aus überschwänglichem Reichtum heraus, zugunsten des noch prachtvolleren, gründerzeitlichen Baus am Kopf des stattlichen Hofes aufgegeben wurde. Doch statt des Abbruchs folgte nach 1900 auf die erste Nutzung die komplette Entkernung. Sämtliche Decken wichen massiven, eng liegenden Balkendecken mit doppeltem Dielenbodenbelag für die intensive Lagerhaltung; aus dem ursprünglich zweigeschossigen Haus wurde ein dreigeschossiger Speicher ohne jegliche Grundrisseinteilung. Die Fassade wurde den Belichtungsanforderungen folgend umgewandelt und um eine dritte Fensterreihe ergänzt; der Haupteingang wurde aufgegeben, die prächtige Treppe davor zurückgebaut und Teile davon auf dem Gelände wiederverwendet. Im ehemaligen Treppenraum muss wohl ein Silo gehangen oder gestanden haben. Das Gebäude bis heute ein Musterbeispiel für nachhaltiges Bauen im Bestand: Historische Substanz wurde nie abgerissen, sondern konsequent den wirtschaftlichen Notwendigkeiten unterordnet, wiederverwendet und weiterentwickelt. Selbst die Fenster der Villa wurden dafür eigens eingekürzt und umgebaut, was dem Kornspeicher schließlich die sehr aufwendigen und dekorativen Fenstergriffe vermachte, die trotz der neuen Fenster bis heute im Objekt erhalten sind.
Heute beherbergt der Bau drei separat erschlossene Wohneinheiten. Unser Entwurf knüpft genau dort an, wo die Geschichte des Hauses bislang endete: Die ehemaligen Speicher-Ebenen wurden zu modernen Wohn-Lofts umfunktioniert: Den Bewohnern steht ein wirklich offener Grundriss zur Verfügung. Bad und ein Schlafzimmer werden als einzig abschließbare Räume bereitgestellt, die übrige Gliederung ist der Fantasie seiner Nutzuer überlassen. Das kann mitunter auch Probleme mit sich bringen – doch wenige Grundrisse bieten eine solche Flexibilität wie das für das Objekt entwickelte, fließende Raumkontinuum. Nur so konnte der Charakter der Geschosse als einstiger Kornspeicher so deutlich hervorgehoben und konserviert werden: Die Decken dominieren die Optik, und der Einbau eines schalldämmenden Heizestrichs unterstreicht mit seiner rohen Oberfläche und Ausführungsqualität den Charakter der ursprünglichen Nutzung. Die Trockenbauarbeiten wurden reduziert; wenige Schiebetüren haben sich noch in den Grundriss geschlichen. Und die neuen, der Historie folgenden Fenster runden das Ambiente ab – während bei geöffneten französischen Balkonen das Rauschen der unten verlaufenden Wetter für Atmosphäre sorgt und sich ein attraktiver Blick in das naturbelassene Grün der Umgebung eröffnet. Und so versteht sich die gesamte Sanierung des Kornspeichers als das, was sie im besten Sinne ist: die nächste, behutsame Fortschreibung der wechselvollen Geschichte eines bemerkenswerten Hauses.





